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Sozialpsychiatrie

Psychische und psychosomatische Störungen bei Kindern und Jugendlichen treten schon früh auf:
 
15-25% der Kleinkinder haben behandlungsbedürftige psychische Probleme, 9-12% der Kleinkinder zeigen schwere Störungen, aber nur 10-25% davon kommen in Behandlung (v. Gontard 2007).
 
Insgesamt leiden ca 15-20% aller Kinder und Jugendlichen an psychischen Störungen, Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Etwa die Hälfte davon ist chronisch psychisch krank. Nur ein geringer Teil davon ist in Behandlung (KiGGS, Mannheimer Kohortenstudie).
 
Die häufigsten Störungsbilder sind dabei:
(durchschnittliche Prävalenz, Ihle & Esser 2002, n. Kowalewski 2009)
  • Angststörungen: 10.4%
  • Dissoziale Verhaltensstörungen: 7.5%
  • Depressive Verstimmungen: 4.4%
  • Hyperkinetische Störungen: 4.4%
  • Tics bzw. Stereotypien: 2.8%
  • Einnässen: 2.5%
  • Einkoten: 0.4%

Die Stabilität psychischer Störungen beträgt 50%; Das bedeutet, innerhalb von 5 Jahren werden 50% der jungen Menschen gesund und 13% erkranken neu - unabhängig von der Diagnose (Blanz e.a. 2007).
 
Die wichtigsten Risikofaktoren für Kinder sind :
  • Körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch
  • Abwertung und Ablehnung durch die Eltern
  • Chronischer Streit in der Familie
  • Abwesende, kranke oder kriminelle Elternteile
  • Broken-home-Verhältnisse: große Kinderzahl bei wenigen erwachsenen Angehörigen, niedriges Einkommen, schlechte Wohnverhältnisse (Ramoutar, K.M., Farrington, D.P. 2006, n. Gehirn & Geist 3/2010, 22f)
Die Prognose wird von der Art der Störung mit beeinflusst: Einen eher günstigen Verlauf nehmen internalisierende/emotionale Störungen, bei denen das Kind leidet. Eher ungünstig entwickeln sich externalisierende Störungen und hyperkinetische Störungen mit Störungen des Sozialverhaltens, bei denen die Umgebung leidet.
 
Kinder und Jugendliche leben in der Regel in ihren Familien, sie besuchen die Schule, ihre Fähigkeiten werden von ihrem Entwicklungsstand beeinflusst, und sie sind in vielerlei Hinsicht von anderen abhängig. Psychische Störungen bei jungen Menschen können daher nicht losgelöst von ihrem familiären, sozialen und pädagogischen Umfeld verstanden und behandelt werden.

Eine kurze Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie:

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie war schon immer ein interdisziplinäres Fach, das sich aus der Kinderheilkunde, der Heilpädagogik, der Psychiatrie und der Psychotherapie entwickelt hat.
 
1968 entstand eine eigenständige Facharztweiterbildung. Die Psychiatrie-Enquete stellte 1976 eine erhebliche Unterversorgung von psychisch kranken jungen Menschen fest. 1978 gab es in der BRD ganze 20 Praxen für KJP.
 
Die Gründung des Berufsverbands der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie im gleichen Jahr führte in der Folgezeit zur Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten in der Praxis, heute gibt es über 1000 Fachärzte und über 500 Praxen in Deutschland. 1992 wurde die Psychotherapie in die Facharztweiterbildung integriert.
 

 

 
1994 wurden nach mühevoller Vorarbeit durch den Berufsverband auf der Grundlage des Gesundheitsreformgesetzes (§§ 85 (2), 1989) und des Sozialgesetzbuch V (§43a, 1991) die Sozialpsychiatrie-Vereinbarung (SPV) geschaffen. Damit kann die Mitarbeit von Heil- und Sozialpädagogen und Diplompsychologen in der kjpp-Praxis ermöglicht und die notwendigen und aufwendigen Kooperationen mit anderen, in die Behandlung von Kindern und Jugendlichen einbezogenen Berufsgruppen (Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten, aber auch Kindergärten und Schulen) finanziert werden.
 
Erst mit der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung ist eine ganzheitliche ambulante Behandlung in der kjpp-Praxis möglich geworden. Inzwischen beteiligt sich etwa die Hälfte aller kjpp-Praxen in Deutschland an der SPV. Dafür muss die Praxis bestimmte Voraussetzungen erfüllen, wozu die spezielle Qualifikation von Arzt und MitarbeiterInnen, das Angebot an Räumen und Material, Supervision, der Nachweis von Kooperationen, Dokumentation und Evaluation der Behandlung gehören.
 
Die Krankenkassen beteiligten sich in unterschiedlicher Weise an der SPV: Die Ersatzkassen finanzierten Diagnostik und Behandlung in der SPV-Praxis über einen bundesweiten Vertrag. Mit den Primärkassen (AOK, Betriebs- und Innungskrankenkassen u.a.) gibt es Verträge auf Landesebene, die in Baden-Württemberg bis Mitte 2009 leider nur die Diagnostik, nicht aber die Therapie umfassten. Damit boten die Primärkassen in einem der reichsten Bundesländer ihren versicherten Kindern und Jugendlichen nur ein eingeschränktes Leistungsspektrum an. Im Juni 2008 kündigten die Ersatzkassen die Sozialpsychiatrievereinbarung. Verhandlungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung mit den Primärkassen mit dem Ziel, diese ebenfalls zur bundesweiten vollen Finanzierung der SPV zu bewegen, blieben erfolglos. Im Juni 2009 beschloss das Parlament eine Gesetzesänderung und seit 1.7. sind alle Krankenkassen verpflichtet, Diagnostik und Therapie in der Sozialpsychiatrievereinbarung zu finanzieren – allerdings mit seit 1994 unveränderten Vergütungssätzen.
 
Das Praxisteam dankt den zahlreichen Personen und Institutionen, darunter nicht wenige Eltern von Patienten der Praxis, die sich für den Erhalt der Sozialpsychiatrie eingesetzt haben!

 
Sozialpsychiatrische Aufgaben in einer SPV-Praxis: Arbeit im Team:
  • Diagnostik der sozialen Gesamtsituation des Kindes/Jugendlichen
  • Individuelle Therapieplanung
  • Koordination des therapeutischen Gesamtprozesses
  • Kooperation mit den beteiligten Helfersystemen: Schule, Jugendamt, Sozialamt, Ärzte, Ergotherapeuten, Beratungsstellen etc.
  • Teilnahme an Hilfeplangesprächen, Besuche in Schule und Kindergarten, Teambesprechungen, Supervision und Fortbildung
  • Dokumentation
  • Qualitätsentwicklung und Qualtitätsmanagement, Evaluation
Sozialpsychiatrische Aufgaben in einer SPV-Praxis: Arbeit mit der Familie:
  • Beratung der Bezugspersonen
  • Psychoedukation
  • Sozialberatung
  • Organisation sozialer Unterstützung
  • Intervention bei psychosozialen Krisen
Sozialpsychiatrische Aufgaben in einer SPV-Praxis: Arbeit mit dem/den Patienten:
  • Heilpädagogische Therapie / sensomotorische Übungsbehandlung als Einzel- oder Gruppentherapie
  • Soziotherapeutische Maßnahmen
  • Psychotherapeutische Maßnahmen, insbes. Krisenintervention
  • Entwicklungstherapeutische Maßnahmen
Regelmäßige Kooperationen der Praxis Dr. Wienand
  • Psychosozialer Arbeitskreis KJ Kreis BB (gegründet von Dr. Wienand)
  • Jugendamt, Heime
  • Regionales ADHS-Kompetenz-Netzwerk
  • Berufsverband KJPP
  • Thamar
  • Runder Tisch Trennung/Scheidung
  • Qualitätszirkel Psychotherapie BB
  • Kinderklinik
  • KJPP Universität Marburg
Was machen wir? Therapeutische Aufgaben:
  • Erstellung von individuellen Therapieplänen
  • Koordination der therapeutischen Prozesse
  • Beratung der Bezugspersonen
  • Sozialberatung
  • Intervention bei psychosozialen Krisen
  • heilpädagogische,
  • soziotherapeutische,
  • psychotherapeutische und
  • entwicklungstherapeutische Maßnahmen

Wie machen wir es? Das Praxiskonzept

„psychoanalytisch verstehen
systemisch denken
suggestiv intervenieren“
(Fürstenau 2001)

 
Wir fragen uns:
  • Welche Entwicklungsaufgabe steht an?
  • Auf welchem Entwicklungsniveau ist der Patient und seine Familie?
  • Welche Motivationssysteme sind aktiv?
  • Welchen Anpassungswert hat die Symptomatik?
  • Welche Übertragungen sind wirksam?
Grundannahmen unserer Arbeit:
  • Positive Sichtweise > Entlastung
  • Für das Behandlungsklima sind wir verantwortlich
  • Akzeptieren der Denkweise des Patienten / der Familie
  • Betonung von Stärken/Ressourcen
  • Lösungs- und Zukunftsorientierung
  • Ökonomie: kleine Schritte
  • umschriebene Zielvorstellungen herausarbeiten und anstreben
Konkret bedeutet das:
  • Kampf gegen die Symptomatik aufgeben
  • Information über Störungsbild (Psychoedukation)
  • Den Eltern helfen, das Kind zu akzeptieren
  • Dem Kind helfen, sich zu akzeptieren
  • Gewohnheitsbildungen/Konfliktrituale unterbrechen
  • Selbstkontrolle verbessern
  • Stärken finden und aktivieren
  • neue/andere Möglichkeiten entdecken

 
Materialien


Vortrag von Franz Wienand zum Thema
Schule und psychische Störung. Gehalten am 29.11.2007 auf der Tagung "Hochbegabung + Schule = Erfolg?" in Böblingen.
 
Vortragsmanuskript von Gabriele Enders:
Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Vortrag anlässlich des 15jährigen Praxisjubiläums von Dr. Franz Wienand

 
Literatur

Bachmann, M. Bachmann, C., John, K., Heinzel-Gutenbrunner, M., Remschmidt, H., Mattejat, F. (2010): The Effectiveness of Child and Adolescent Psychiatric Treatments in a Naturalistic Outpatient Setting. World Psychiatry 9; 111-117
 
Brünger, M. (2005): Sozialrecht aus kinder- und jugendpsychiatrischer und –psychotherapeutischer Sicht. Forum der Kinder- und Jugendpsychotherapie und Psychotherapie 15, Heft 1, S. 7-60
 
Mattejat, F (2007): Ergebnisevaluation in Praxen mit dem kjp-Qualitätssystem. Vortrag auf dem XXX DGKP-Kongress 14-17.3.2007 in Aachen
 
Mattejat, F.; Trosse, M.; John, K.; Bachmann, M.; Remschmidt, H. (2007): kjp-Qualität. Modell-Forschungsprojekt zur Qualität ambulanter kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlungen. Abschlussbericht Juli 2006. Marburg: Görich & Weiershäuser. ISBN: (13) 978-3-89703-689-7
 
Moik, C. (2000): Sozialpsychiatrie-Vereinbarung: Rechtliche Voraussetzungen, praktische Folgerungen. Forum der Kinder- und Jugendpsychotherapie und Psychotherapie 10, Heft 2, S. 27-39
 
Poustka, F.; Goor-Lambo, G. van (2000): Fallbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie. Erfassung und Bewertung belastender Lebensumstände von Kindern nach Kapitel V (F) der ICD-10. Ein Lese- und Lernbuch. Bern u.a.: Verlag Hans Huber
 
Roosen-Runge, G. (2000): Praxis und Theorie der Sozial-Psychiatrischen Versorgungsform (SPV) in der ambulanten Kinder- und Jugendpsychiatrie. Forum der Kinder- und Jugendpsychotherapie und Psychotherapie 10, Heft 2, S. 40-77
 
Schlüter, L.; Roeder, N.; Schaff, C. (2006): Behandlungspfade in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Von der Kooperation über die Vernetzung zur Integrierten Versorgung. Münster: Schüling
 
Trost, A.; Wienand, F. (2000): Praxis der lösungsorientierten Kurztherapie mit Familien in der kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis. Forum der Kinder- und Jugendpsychotherapie und Psychotherapie 10, Heft 2, S. 84-96

 
Pressemitteilungen


Pressemitteilungen des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP):  [Bitte folgen Sie diesem Link]
 

 
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